Sophie Bucher
Schreibwettbewerb 2020

Zukunft

ich war gerade spazieren.

bin in die berge gegangen, habe einen see gefunden.

bin dem see gefolgt und liess mich auf einen weg führen.

dieser weg führte mich in den wald, nicht weit, aber es lag frost, und rote vogelbeeren neigten

sich unter der schwindenden herbstsonne dem schneebedeckten boden hin.

es war herbst, kalt, ich wagte noch ein paar schritte, kehrte zurück an den see und setzte mich

dann auf eine hölzerne bank.

der see spiegelte die tannengeschmückten schneebepuderten berge vor mir ab, ein spektakel.

und ich hatte plötzlich wieder zeit.

zeit, um zu staunen.

zeit, um sich klein zu fühlen.

zeit, um das grosse ganze zu betrachten.

hast du zeit?


ich stand auf, ging ein paar schritte bis zum see, streckte meine finger zum wasser hin und tunkte

die ganze hand in die klare kälte.

ich fühlte den weichen schlamm und die wärme, die sich schüchtern darin versteckte.

ich fühlte, und tat nichts anderes.

ich genoss das körper sein, das teil sein, das eins sein.

fühlst du das auch?


ich dachte daran, wie ich früher mit meinen geschwistern kaulquappen fing.

wie wir an stränden burgen bauten und im garten marienkäfer beobachteten.

wie wir zwischen zwei bäumen seile spannten und darauf tanzten.

wie wir im sommer auf dem balkon auf den sonnenuntergang warteten, wie wir im winter

schneeengel formten und mit nassen strümpfen nachhause kamen.


ich will das auch in zukunft machen.

ich will auch in zukunft zeit dafür haben.

ich will auch in zukunft fühlen, was ich in diesem einen moment fühlte -

dass ich nicht alleine bin.

dass es sich lohnt.

dass die zukunft auf uns wartet, wenn wir sie haben wollen.


ich will.


willst du?