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Provoziert das Klima einen Generationenkonflikt?

Die Jugendlichen mobilisieren sich

2019 war die Mobilisierung der jungen Generationen für den Klimaschutz kaum zu übersehen. Die von der Schwedin Greta Thunberg ins Leben gerufene Bewegung Fridays for Future breitete sich weltweit aus. Das Phänomen hat auch die Schweiz gewonnen und es fanden zahlreiche Kundgebungen statt, insbesondere auf Anregung der Jugendlichen von Climatestrike. Die Jugendlichen fordern, dass die Schweiz ihre Engagements, welche sie anlässlich des Übereinkommens von Paris eingegangen ist, einhält, den Klimanotstand ausruft und die Klimaneutralität bis 2030 umsetzt. Sie werfen den vorangehenden Generationen vor, nicht rechtzeitig auf die Klimakrise reagiert zu haben. Sie haben die Schätze des Planeten ausgebeutet, ohne sich um die Konsequenzen zu kümmern. Nun steht die Zukunft der Jugendlichen auf dem Spiel.

St. Gallen, 25. Mai 2019 © beti12mk/Shutterstock
St. Gallen, 25. Mai 2019 © beti12mk/Shutterstock

Die Mobilisierung der Jugendlichen stösst bei den älteren Generationen nicht nur auf Verständnis

Die von den Jugendlichen geäusserten Befürchtungen stiessen bei den älteren Generationen nicht immer auf Verständnis. Ihre Mobilisierung wurde von vielen Seiten kritisiert, insbesondere in den Medien, sei es von Seite politischer Persönlichkeiten oder von gewöhnlichen Lesern. Die schärfste Kritik gab es jedoch auf soziale Medien. Den Jugendlichen wurde vorgeworfen, aus Faulheit von der Situation zu profitieren, um die Schule zu schwänzen und sogar massgebend an der Klimaerwärmung teilzunehmen, indem sie öfter fliegen als der Durchschnitt.

Greta Thunberg, das Gesicht der Bewegung, geriet auch wiederholt in die Kritik und wurde manchmal sogar beleidigt. Man beschuldigt sie, durch grüne Lobbies manipuliert zu werden, eine apokalyptische Rhetorik zu pflegen, die nicht die Realität widerspiegelt, den Platz der Experten aus der Wissenschaft einzunehmen, widersprüchlich zu handeln oder auch mit ihrem Kampf Geld zu verdienen.

Ausserdem sind es die älteren Generationen, welche bei Abstimmungen ihren Standpunkt durchzusetzen vermögen. Und bis vor kurzem unterstützte die Mehrheit der älteren Personen Vorschläge betreffend Umweltfragen wie zum Beispiel die Abschaffung der Kernkraftwerke oder die Initiative für eine grüne Wirtschaft nicht.

Lausanne, 17. Januar 2020 © Dominika Zara/Shutterstock

Und dennoch ist der Wandel im Gange

Ab dem Spätsommer 2019 findet jedoch eine allgemeinere Mobilisierung statt. Am 28. September 2019 demonstrieren in Bern 100'000 Personen aus verschiedensten Bevölkerungsgruppen. Die Mobilisierung erreicht in der Schweiz nie zuvor gesehene Ausmasse. Unter ihnen macht sich eine Bevölkerungsgruppe besonders bemerkt: die Senioren. Sie haben nämlich nicht auf die Mobilisierung der Jugendlichen gewartet, um sich für den Planeten zu engagieren. Zwei Bewegungen gewinnen an Bedeutung: die KlimaSeniorinnen und die Klima-Grosseltern.

Die KlimaSeniorinnen haben gerichtliche Schritte eingeleitet, um die Bundesbehörden dazu zu bewegen, die Schweizer Klimapolitik zu überdenken. Da nur Personen mit schützenswerten Interessen berechtigt sind, eine Klage einzureichen, haben sie den Verein KlimaSeniorinnen für den Schutz des Klimas gegründet. Ältere Personen, und insbesondere ältere Frauen, sind schliesslich am stärksten von der Klimaerwärmung betroffen. So sind 2018 der Hitzewelle 200 Personen zum Opfer gefallen, die meisten davon Senioren.

Die Klima-Grosseltern ihrerseits sind eine Bürgerbewegung, welche aus der Besorgnis einer Generation über die mit einer Verschlechterung der Lebensbedingungen auf Erden verbundenen Risiken entstanden ist. Ihr Engagement geht über den Horizont ihrer Enkelkinder hinaus; sie möchten ihren Nachfahren die Möglichkeit bieten, auf der Erde in einem Klima und mit Umweltbedingungen zu leben, die eine stetige Lebenserneuerung erlauben.

Es ist wahr, dass diese Bewegungen durch Persönlichkeiten getragen werden, die sich schon immer sehr stark für die Natur und die Umwelt engagierten, wie zum Beispiel Jacques Dubochet, Chemie-Nobelpreisträger 2017, der die Klima-Grosseltern aktiv unterstützt, oder Anne Mahrer, Co-Präsidentin der KlimaSeniorinnen und ehemalige grüne Nationalrätin. Die erhöhte Visibilität dieser Bewegungen zeigen der Bevölkerung auf, dass sich nicht (mehr) einzig die Jugendlichen um die Zukunft unseres Planeten sorgen.

Der Herbst 2019 wurde ebenfalls Zeuge einer Wende in der Schweizer Politik. Die eidgenössischen Wahlen vom 20. Oktober wurden von einer «grünen Welle» gezeichnet, wie sie in den Medien genannt wurde, welche sich in einer Mobilisierung der Wählerinnen und Wähler zugunsten der grünen Kandidaten manifestierte. Diese ergab sich nicht nur aus einer erhöhten Beteiligung der Jugendlichen, sondern auch aus einer Sensibilisierung älterer Generationen.

Zusammen für die Zukunft des Planeten

Statt sich in einen Generationenkonflikt zu verwickeln, haben die verschiedenen Klimaschutz-Bewegungen verstanden, dass es notwendig und sogar dringend ist, die gesamte Bevölkerung nicht nur für den Planeten, sondern für das Wohl der Menschheit zu mobilisieren. Die Jungen haben alles Interesse daran, die Erfahrung der Älteren, die häufig ziviles Engagement sehr gut kennen, aufzugreifen. Die Senioren können ihrerseits von der Energie der Jugendlichen profitieren. Wenn sie sich zusammenschliessen, haben sie die besseren Chancen, sich Gehör zu verschaffen und unser Verhalten zu verändern.

- Dorothée Gillard -

Das Interview mit interview de Michèle Roquancourt, aktives Mitglied der KlimaSeniorinnen, anschauen.

Das Interview mit Plan Climat de Gisèle Sallin, aktives Mitglied der KlimaSeniorinnen, anschauen.