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Klima und Nostalgie

Die einstigen Winter, an die kann sich der 85-jährige Joseph* noch erinnern. Während seiner Mittagspause geht er wie gewohnt ins lokale Bistro. Nach der Kältewelle der vergangenen Woche und den warmen Temperaturen von gestern, die den ganzen Schnee zum Schmelzen gebracht haben, meinte Joseph, die Winter seien «nicht mehr wie früher». «Als kleiner Junge musste ich um 5 Uhr morgens aufstehen, um meinem Vater beim Holzfällen im Wald zu helfen. Es herrschte eine eiserne Kälte. Der Schnee reichte mir bis an die Hüften... Der Schnee blieb fast während des ganzen Winters liegen und begann erst im Frühling zu schmelzen. Heutzutage ist es nicht mehr dasselbe. Die Jungen kennen nicht den Winter, den wir gekannt haben!»

Ich habe Joseph also gefragt, mir zu erzählen, wie er den Klimawandel erlebt. «Zu Hause hatten wir nur einen Heizkessel im Wohnzimmer und es war der einzige geheizte Raum. Stellen Sie sich vor! Wenn der Frühling begann, so gegen Ende März, mussten wir mit der Mutter im Garten Samen pflanzen. Im Mai oder im Juni gab es keine Hitzewellen mit Temperaturen von 30°C.» Das von Joseph mit Nostalgie beschriebene Klima musste markantere Jahreszeiten haben.

Als kleiner Junge musste ich um 5 Uhr morgens aufstehen, um meinem Vater beim Holzfällen im Wald zu helfen. Es herrschte eine eiserne Kälte. Der Schnee reichte mir bis an die Hüften… Der Schnee blieb fast während des ganzen Winters liegen und begann erst im Frühling zu schmelzen. Heutzutage ist es nicht mehr dasselbe. Die Jungen kennen nicht den Winter, den wir gekannt haben!

«Im Sommer ging ich morgens meine Mutter beim Ernten der Früchte und Gemüse helfen und am Nachmittag half ich meinem Vater auf dem Bauernhof. Ich war immer im Freien, wissen Sie. Natürlich gab es schöne Tage, aber es gab auch Tage, ja Wochen, als es dauernd regnete! Ich erinnere mich nicht daran, dass es auf der Alp an Wasser für die Kühe fehlte. Aber wissen Sie, meine Lieblingsjahreszeit war der Herbst. Also gut, zu Beginn, mit den ab September sinkenden Temperaturen mähten wir die Felder, das war meine Aufgabe. Aber danach war die Kilbi! Die Bäume waren schon voller Farben und der erste Schnee folgte kurz darauf. Heutzutage muss man manchmal bis Januar warten, bevor es schneit. Ich behaupte nicht, dass es jedes Jahr an Weihnachten viel Schnee gab, aber es waren wahre Winter, nicht wie jetzt.»

Josephs Worte beschreiben zwar Erinnerungen, aber widerspiegeln sie auch die Realität? Klimatologen können es bestätigen, Josephs Erinnerungen sind richtig. Die Temperaturen sind in der Schweiz seit Beginn der Messungen tatsächlich um 2°C gestiegen. Da die mittleren Temperaturen im Mittelland im Winter um 0°C schwanken, kann eine leichte Erwärmung die Anzahl Frosttage und der Anteil Niederschlag, der in Form von Schnee fällt, beträchtlich vermindern. Folglich sind Tage, an denen Schnee auf dem Boden liegt, weniger zahlreich. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann der Frühling einige Wochen später und der Herbst war bereits früher da. Der Sommer war im Durchschnitt weniger heiss, mit nur halb so vielen tropischen Tagen (>30°C). Auch die Hitzewellen waren weniger zahlreich und kürzer. Trockenperioden waren weniger intensiv. Die Temperaturen waren frischer und es gab folglich weniger Evaporation. Dies zeigt auf, dass der Wandel auch bei nur 2°C Unterschied erheblich sein kann. Dies stärkt die Besorgnis der Klimatologen, der jungen Generationen und der Bevölkerung im Allgemeinen, sowie ihren Wunsch, ihr Bedürfnis, die Erwärmung so stark wie möglich zu begrenzen.

- David Mauron -

Der Rhonegletscher im Jahr 1900 © Wikipedia
Der Rhonegletscher, Sommer 2019

*fiktive Person